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Früher

In letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich Sätze mit „Früher“ beginne. Das beunruhigt mich, ist es doch ein untrügliches Anzeichen für mein fortschreitendes Alter. Früher sagte ich nicht so viel „Früher“. Wo ist sie denn so schnell hin, die Zeit? Ich dachte ich werde nie alt. Wieso hat uns früher niemand gesagt, dass die Zeit schneller und schneller vergeht – je älter man wird?

Früher, ich meine ganz früher, war der Inbegriff von „Erwachsensein“ für mich, die Vorstellung, dass man für sich selbst eine ganze Tafel Schokolade kauft und sie dann ganz ALLEINE aufisst. Nicht nur ein „Täfeli“, wie Mama es damals bestimmte. Dann hatte man es geschafft, dann war man erwachsen, selbständig, frei!

Als Teenager änderte sich diese Vision. Die „Grossen“ in unserem Schulhaus in Zürich Affoltern machten es vor: Schlaghosen, Miss Sixty Jeans, Buffalo Plateau Schuhe und bauchfreie Tops, verliehen uns die Macht der Abgrenzung und somit den Schlüssel zum Tor der Erwachsenenwelt.

„Die Schlaghosen sind zurück!“, verkündete ein Artikel, den ich neulich las. Ich werde sie auf jeden Fall mit offenen Armen begrüssen, denn ich liebte sie schon früher. Sie schmeicheln der Figur ganz besonders und heben die Weiblichkeit hervor. Eine schöne Alternative zu dem seit Jahren vorherrschenden, eher androgyn wirkenden Skinny-Jeans Look.

Wo die Schlaghose gerade noch die Zustimmung unserer Eltern erfuhr, wahrscheinlich weil sie sie an ihr „Früher“ erinnerte,- hatte es die Miss Sixty Jeans schon schwerer. Es galt harte Kämpfe auszufechten!

Ich besass verschiedene Modelle der Miss Sixty. Eine davon hatte einen ziemlich…gewagten Schnitt. Auf der einen Seite der Hüfte fehlte ein beträchtliches Teil Stoff und liess den Blick bis zur Mitte des Bauches frei. Meine Mutter liebte diese Jeans! Nicht. Doch das war mir schnurz egal, denn ich war jetzt erwachsen!

Genau dasselbe dachte ich ein paar Jahre später, als ich eben diese verwegene Jeans in den Altkleidersack stopfte. Die Zeit ändert die Sicht auf die Dinge eben immer wieder von neuem.

Doch eine Miss Sixty habe ich bis heute behalten. Ganz klassisch in Dunkelblau, und „normalem“ Schnitt harrt sie – an einigen Stellen zusammengeflickt – treu an meiner Seite aus. Ich glaube ich werde diese Jeans niemals entsorgen.

Sie hat sich über die Jahre meinem Körper wie eine zweite Haut angepasst. Ich ziehe sie eigentlich nur noch zuhause an, sie ist sozusagen meine Hausjeans.

Sie hilft, wenn ich mich im Sinnieren über die Zeit verliere. Ich ziehe sie an und freue mich, dass sie noch passt. Dass sie noch da ist. Und dann denke ich: Die Zeit kann rasen, doch die Jeans, von früher ist die Jeans von Heute und auch von Morgen. Sie bleibt. Und das ist doch irgendwie beruhigend, nicht?

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