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Geschichte(n)

Neulich belauschte ich zwei Arbeitskolleginnen, wie sie sich unterhielten. Die Eine versuchte der Anderen jemanden zu beschreiben. „Er isch sonen Jeans-Typ, weisch…“ Ich horchte auf, und vor meinem geistigen Auge tauchte ein Mensch auf. Wer kommt euch in den Sinn, wenn ihr das Wort „Jeans-Typ“ hört, liebe Leser? Wenn ich „Jeans-Typ“ höre, denke ich zuerst an Herrn Näf.

Herr Näf, war mein ehemaliger Geschichtslehrer im Gymnasium. Da für mich, wegen mangelndem Interesse und Wissen, eine Ehrenrunde angeordnet wurde, hatte ich das Glück, bei Herrn Näf in der Klasse zu landen. Ich sage es mal so: Herr Näf war das einzig Gute an dieser Ehrenrunde. Denn dieser Lehrer, war ein richtig klasse Typ! Ein Zürcher, und eingefleischter ZSC Fan, Mitte vierzig vielleicht, und immer in Hemd und Jeans unterwegs. Und genau diese Lässigkeit, strahlte er auch aus – die ganze Klasse liebte ihn.

Denn nicht nur konnte er uns Geschichte lehren, er konnte auch Geschichten erzählen. Egal über welches Thema, er brauchte nur ein Stichwort um loszulegen. Es war ein Genuss ihm zuzuhören und zuzuschauen, wie er theatralisch gestikulierend von einer Zimmerecke zur anderen schritt, und uns Geschichten über Gott und die Welt erzählte. Wieder und wieder stiess er sich, wenn er sich rasant umdrehte, den Kopf an der grossen Ländertafel, die über ihm hing, doch das konnte ihn in seinem Redefluss nicht stoppen. Manchmal verhaspelte er sich ob seiner Wörterflut, und so kamen Sätze raus wie: „Wenn ich in eine Pizza gehe dann…!“

Wollte er uns die Rivalität zwischen zweier Länder begreiflich machen, so griff er gerne zu Vergleichen wie diesem: „…Ich säg eu, die händ d’Franzose ghasst! So wie d’Basler oder! Chöntsch ne grad eis it Schnurre haue wenns körsch rede!“ Dabei boxte er mit den Fäusten durch die Luft. Ja, das war unser Herr Näf. Ein toller Kerl.

Doch eines Tages, enttäuschten wir diesen netten Herrn über alle Massen. Dass wir seine Stunden eher locker nahmen, rächte sich, und es kam zu einem schulischen Desaster. Von rund 20 Schülern, hatten nämlich gerade mal vier ihr Geschichtsbuch dabei. Das war übel.

Herr Näf, der die Stunde gewohnt motiviert begonnen hatte, konnte es nicht fassen. Zum ersten Mal in (der) Geschichte verstummte er. Er schaute uns an, als ob wir ihm mitgeteilt hätten, dass sämtliche Feiertage dieses Jahr ausfallen. Es war herzzerreissend.

Berechtigterweise fragte er uns, ich zitiere: „Hätts eu eigentlich is Hirni gschisse?“ Danach ging er, verliess einfach das Klassenzimmer, und überliess uns unserem kollektiv schlechten Gewissen. Wir fühlten uns, wie die mieseste Klasse ever. Ever, ever, EVER!

Weil der Näf aber so nett ist, hat er uns schon am nächsten Tag verziehen – zum Glück kam er wieder. Er nahm unsere reumütige Entschuldigung an. Natürlich, hatten wir alle unser Buch dabei. Und durften fortan, weiter in Näfs Geschichte(n) schwelgen.

Ich mag wohl den grössten Teil, den Herr Näf mir in seinen Stunden beigebracht hat, vergessen haben. Ihn aber, werde ich nie vergessen.

So. Das ist mein Jeans-Typ. Wer ist euer?

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