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Zürich – Neu Delhi

Zürich Niederdorf, 19 Uhr. Ich betrete die gediegene Bar Tina. Hinten aus der Ecke strahlt mir meine Freundin Reyhan schon entgegen. Wir haben uns länger nicht mehr gesehen, da wir beide für längere Zeit im Ausland waren. Ich bestelle bei dem netten Kellner Prosecco, während ich in den alten Sessel sinke. Reyhan lacht und zwinkert mir verschwörerisch zu.

Niemand kann so schön lachen wie Reyhan. Ich mag sie sehr, sie ist ein wildes Ding, rastlos, eine Weltenbummlerin. Wo ich höchstens ein laues Lüftchen bin, ist sie ein wahrer Wirbelsturm. Nie hält es sie lange an demselben Ort, Routine ist Gift für sie. So war ich auch nicht überrascht, als sie mir vor zwei Jahren ankündigte auf Weltreise zu gehen – und zwar alleine! Sie zog los mit ihrem Rucksäckli und bereiste ferne Länder, lernte fremde Kulturen kennen, und schloss neue Freundschaften mit Menschen, die sie unterwegs traf.

Die Zeit vergeht wie im Flug während wir uns unsere neusten Geschichten erzählen. Die Bar füllt sich langsam. Eine Herrenrunde nimmt am Tisch neben uns Platz. Reyhan ist gerade bei Indien angelangt, als wir die zweite Runde bestellen. Der Kellner füllt eifrig unsere Prosecco- und Wassergläser auf, und bringt uns etwas zu knabbern.

Indien…genauer: Neu Delhi. Es war am Anfang ihrer Reise, und Reyhan fühlte sich einsam und verlassen. Alles was sie dabei hatte, waren einige Klamotten und die nötigsten Dinge in ihrem Rucksack. Sie lief den ganzen Tag durch Neu Delhi, staunte, fotografierte, wehrte aufdringliche Männeravancen ab, und kam schlussendlich erschöpft und ein bisschen überfordert ob der ganzen Fremdheit, bei der U-Bahn Station an. Sie wollte nur noch in ihr Hotel, um sich zu verkriechen.

„Das Gute an der U-Bahn in Neu Delhi..“, erklärt mir Reyhan, während sie an ihrer Zigarette zieht, „…das Gute ist, dass es einen Wagon extra für Frauen gibt, der auch von einer Polizistin überwacht wird!“

Sie stieg also in diesen Wagon ein, und liess sich müde auf die Bank nieder. Einzig die Polizistin und eine Frau in einem wunderschönen roten Sari, befanden sich in dem Abteil. Überrascht stellte Reyhan fest, dass die Sari-Frau, der sie gegenüber sass, ihren Platz wechselte und sich neben sie setzte. Dort sass sie nun, und starrte Reyhan an.

„Ignorieren!“, dachte sich Reyhan und starrte ebenso unentwegt geradeaus. Da passierte etwas Seltsames. Reyhan spürte eine Hand an ihrem Bein, genauer: Finger!

Die Bar ist mittlerweile voll, wir rufen einander fast zu, um uns zu verstehen, Reyhan versucht vergeblich, den inzwischen sehr beschäftigten Kellner heranzuwinken.

„Weißt du ich hatte meine kaputten Jeans an!“, lacht sie. Jeans im Used- Look also, eine abgenutzt wirkende Jeans mit Löchern darin. „…Nicht gerade die beste Wahl für Indien, ich weiss, aber das waren meine Lieblingsjeans!“

In eben diese Löcher fuhr die Sari-Frau mit ihren Fingern rein, und zeichnete die verschlissenen Linien nach. Dazu schüttelte sie unentwegt den Kopf. Reyhan, bei Gott nicht oft sprachlos, war erst einmal perplex.

„You have home? Where your´re family? Where you´re husband? You ok?“, fragte die indische Schönheit.

Da begriff Reyhan und versicherte der Frau, dass es ihr gut gehe, dass sie auf Reisen sei und die Familie zuhause.

„I can do this!“. Die Inderin deutete auf die Löcher und imitierte mit ihren Händen eine Näh Bewegung. Vergeblich versuchte Reyhan ihr zu erklären, dass sie diese Jeans extra so gekauft hatte. Die Sari-Frau liess das nicht gelten und bot ihr in einem letzten Versuch an, sie zu einem Shop mitzunehmen, und ihr dort „anständige“ Jeans zu kaufen.

Darauf liess Reyhan sich zwar nicht ein, verabredete sich aber mit der besorgten Dame abends zum Essen.

„Angie, die hat gedacht ich sei obdachlos!“, lacht Reyhan und schlägt mit der Hand auf den Tisch. „Ich habe mich so geschämt!“

Der Herrentisch neben uns, hat damit begonnen Zigarren zu rauchen. Es ist Zeit zu gehen. Der Kellner reagiert nicht mehr auf unser Winken, er ist zugemauert von Gästen, die die Bar belagern. Wir gehen zu ihm an den Tresen und bezahlen. Tief auf- und einatmend, treten wir aus der Bar, auf die kühle Gasse des Niederdorfs. „In welche Richtung musst du?“, frage ich Reyhan. Doch sie hört mich nicht, blickt abwesend auf die Gasse. Sie ist schon wieder auf Reisen. Weit weg, im Zug, in einem fernen Land..mit ihren Lieblingsjeans.

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