Tagträumereien & Co

Mia ist nervös. Obwohl auf der Arbeit im Secondhandshop Twist nicht viel läuft. Es gibt wenig bis gar keine Kundschaft. Vorhin war eine ältere Dame da, die einen knallgelben Poncho aus Wolle anprobiert und gekauft hat. Abgesehen von der Poncho-Lady jedoch bleibt es ruhig. Zwischendurch überprüft sie immer mal wieder ihr Handy und liest sich abermals den Text von Oliver durch, den sie letzten Samstagabend auf einer Party im Moods kennengelernt hat und heute Abend im El Lokal treffen wird.

Da Mia weder gerne herumsitzt, wenn sie arbeitet, noch ständig am Bildschirm Ihres Smart Phone kleben möchte – Oliver hin oder her – sortiert sie alle T-Shirts in der Auslage nach deren Grösse. Was ’ne gute halbe Stunde Zeit in Anspruch nimmt. Dann, nach weiterer Kontemplation, entscheidet sie sich stattdessen für die Sortierung nach Farbe, was optisch echt was hermacht. Der lasche Montag würde auch noch genügend Zeit bieten, um besagte Kleidungsstücke nach deren Preis zu ordnen, was jedoch für die Kundschaft vielleicht nicht mehr wirklich praktisch oder nachvollziehbar wäre, ihr aber durchaus noch etwas Arbeit verschaffen würde, sagen wir mal, bis zum Mittag.
Und eigentlich ist die Idee doch ziemlich klasse. Mia selbst könnte dann einfach in der ihrem Budget entsprechenden Sparte des jeweiligen Ladens stöbern. Es gäbe dann Übersichtstafeln beschriftet mit den Preisen in Zehnerschritten. Somit würde sie sich nur Kleider anschauen, die sie sich tatsächlich leisten könnte. Sie müsste sich demnach nie mehr von einer Hose trennen, in die sie sich bereits verliebt hat, ohne vorher das Preisschild gesehen zu haben.
Eine Hose, in der sie sich bereits über Zürichs Kopfsteinpflaster stolzieren sieht, in dessen Rillen sie mit ihren Pumps zwar meist ansatzweise stecken bleibt und somit leicht ins Schwanken gerät.
Aber sie würde verdammt gut aussehen! An einem Montagabend. Auf dem Weg zu einem Date. In der Hose, die sie sich nicht leisten kann, obwohl sie bereits im mentalen Kleiderschrank hängt. Die Hose, die sie trotzdem kauft, ohne sie sich leisten zu können.
Und bereits, rein fiktiv, plagt sie das schlechte Gewissen, sich was Teures geleistet zu haben. Vielmehr, sich was Teures leisten zu können, das sie sich eigentlich gar nicht leisten kann, während anderswo auf der Welt sich jemand mit der Kartonverpackung jener Jeans zudeckt, die sie trägt. In Gedanken trägt.

Tatsache ist jedoch, dass Sie immer noch nicht weiss, was sie heute Abend anziehen soll. In ’nen Kartondress wird sie sich nun doch nicht schmeissen; Solidarität in Ehren.
Eher praktisch? Oder doch aufs Ganze gehen? Simple Jeans oder edler Hosenanzug? Wenn ja, welche? Welcher?
Gedankenverloren, sprich gedanklich fokussiert, jedoch nicht im Hier und Jetzt, richtet sie sich während ihrer Mittagspause vom Kühlschrank auf und stösst sich den Kopf an der Ablage in der kleinen Küche im hinteren Teil des Shops. „Scheisse“, sagt sie laut heraus – dann muss sie lachen. Einfach so.
Was denn nun? Sie streift erneut durch den Laden, in dem sie sich immer noch alleine befindet, und macht sich daran, die Jeans fächerförmig, in aufsteigender Reihenfolge der jeweiligen Blautöne, auszubreiten.
Vielleicht doch eher casual, sinniert sie. Casual chic. Schwarze Skinny Jeans zu einem farbig bedruckten T-Shirt, kombiniert mit ihren bordeauxroten Wildlederpumps. In diesen kann sie erfahrungsgemäss eine absehbare Strecke zu Fuss zurücklegen, ohne flache Ersatzschuhe in der Handtasche mitschleppen zu müssen. Wie zum Beispiel vom Bahnhof bis zum El Lokal. Und zurück.
Oder stattdessen vielleicht noch zu einer anderen Bar. Und von dort zurück zum Bahnhof. Denn Velofahren war mit den Pumps zwar möglich, aber doch nicht sehr praktisch, was Mia während mehreren Versuchen, trotz des genervten Kommentars eines anderen, relativ verbissenen  Velofahrers „Zieh dir doch normale Schuhe an!“, erprobt hatte. Zudem hatten die Pedale leichte Abdrücke auf den schweineteuren Ledersohlen hinterlassen.
Tanzen hingegen war in den Pumps etwa für eine Stunde möglich. Und länger würde sie bei einem ersten Date eh nicht die Tanzfläche rocken. Oder doch?

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